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GR20 auf Korsika: 11 Tage auf Europas härtestem Trek
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Distanz
192.2 km
Höhengewinn
+14435 m
Dauer
80h 0m
Schwierigkeit
Hard
Höhenprofil Höchste 2155 m Am niedrigsten 422 m
Höhenprofil: 422–2155 m über 192.2 km.

Die Korsen nennen den GR20 „Fra li Monti" — zwischen den Bergen. Der Weg folgt dem Granitrückgrat der Insel von Calenzana im Norden nach Conca im Süden: rund 180 Kilometer, 16 offizielle Etappen, mehr als 12 000 Höhenmeter und der Ruf, der härteste markierte Fernwanderweg Europas zu sein. Wir hatten 11 Tage dafür. Unserer begann allerdings nicht mit Granit, sondern mit einer zehnminütigen Taxifahrt und dem Anblick zweier Busse, die uns direkt vor der Nase davonfuhren. Dann hieß es: sechs Stunden auf den Zug warten, bei unglaublicher Hitze. Wir wechselten zwischen Sitzen, Liegen und Herumstehen und pilgerten regelmäßig zu einem kleinen Laden mit freundlicher rumänischer Besitzerin, um Wasser nachzukaufen — und das eine oder andere Bier „zum Flüssigkeitsausgleich". Am Abend brachen wir endlich in Calenzana auf, stürmten die ersten 200 Höhenmeter hinauf, fanden einen wunderschönen Schlafplatz und fielen völlig erledigt hinein. Und das alles, bevor der Trek überhaupt richtig begonnen hatte.

Tag 2: Zur Begrüßung gleich eine Doppeletappe

Vorbeiziehende Wanderer weckten uns im Morgengrauen. Die Nacht war so heiß gewesen, dass wir nur in den Inletts auf den Schlafsäcken geschlafen hatten. Der Plan für heute war ehrgeizig: die ersten beiden Etappen zu einer zusammenlegen. Zuerst der Aufstieg zur Hütte Ortu di u Piobbu, dann weiter nach Carrozzu. Unterwegs zählten wir Eidechsen und hofften, dass die Sonne so spät wie möglich über den Grat kommt — schon die erste Etappe steigt von Calenzana über 1 200 Meter an. Technisch war es einfach. Körperlich echte Knochenarbeit. Auf halber Strecke gönnten wir uns auf einem grasigen Plateau eine halbe Stunde nichts als Aussicht.

Nach etwa vier Stunden erreichten wir das erste Camp. Bier, Cola, Essen — und zwei Stunden Schutz vor der schlimmsten Mittagsglut. Als die Sonne endlich nachließ, ging es auf Teil zwei. Der führt durch rein felsiges Gelände über eine Kette kleiner Pässe, und mit müden Beinen mussten wir ihn uns verdienen. Sechs weitere Stunden mit Ketten und vorsichtigen Tritten brachten uns nach Carrozzu, wo wir aßen, endlich duschten und mit einem Glas gutem Wein auf den Tag anstießen.

Tag 3: Bocca a Muvrella und die ersten Tschechen

Die Nacht war endlich kühl — gegen Morgen zog ich zum ersten Mal den Schlafsack über mich. Nach der gestrigen Doppelleistung schliefen wir aus; heute reichte eine einzige Etappe. Die beginnt allerdings gleich mit Stil: Direkt hinter der Hütte quert man die berühmte Spasimata-Hängebrücke, eine Brücke im Nepal-Stil über der gleichnamigen Schlucht und eine der Ikonen des nördlichen GR20. Danach steigt der Weg steil an, tief unter den Füßen glitzern herrlich kalte Gumpen. Im letzten Bergsee vor dem Pass, kurz unterhalb des Bergauges Lac de la Muvrella, nahm einer von uns ein Bad unter Resten des Winterschnees. Wir anderen kühlten uns am Zuschauen.

Den Pass Bocca a Muvrella überschritten wir auf 1 980 Metern und stiegen ins Asco-Tal ab. Haut Asco war einst Korsikas einziges Skigebiet, heute dient es vor allem den Trekkern — auch wenn uns ausgerechnet der dortige Hüttenwirt nicht gerade mit Herzlichkeit überschüttete. Wir saßen bei ihm ein Gewitter aus und zogen weiter. Unterwegs traf ich die ersten Tschechen des Treks und wir wechselten ein paar Worte von daheim.

Tag 4: Monte Cinto und Hotdogs im Korb

Die längste und härteste Etappe des GR20 — und die mit einer Geschichte. Früher führte der Weg durch den legendären Cirque de la Solitude, doch nachdem ein tragischer Felssturz im Juni 2015 sieben Wanderern das Leben gekostet hatte, wurde der Kessel gesperrt. Seit 2016 verläuft die offizielle Route höher, über die Pointe des Éboulis auf 2 607 Metern, den höchsten Punkt des gesamten GR20. Der Schnee hält sich hier oft bis Anfang Juli — und genau in den liefen wir hinein. Wegen der angekündigten Nachmittagsgewitter standen wir früh auf und kletterten gleich zu Beginn über kettengesicherte Granitplatten. Nach vier Stunden Schinderei und mehreren Schneefeldern — bei denen wir halb im Scherz über Steigeisen nachdachten, im Juli, auf einer Mittelmeerinsel, wobei die Führer hier tatsächlich damit rechnen — standen wir im Sattel. Und dort fiel die große Entscheidung: der Abstecher auf den Monte Cinto, 2 706 Meter, das Dach Korsikas. Anderthalb Stunden hin und zurück. Ein Teil der Gruppe zog los — und schwarze Gewitterwolken jagten sie den ganzen Abstieg hinunter.

Die Hütte Tighjettu erreichten wir knapp vor dem Unwetter und stopften uns mit den berühmten 5-€-Hotdogs voll. Man ließ sie uns in einem Korb aus dem Obergeschoss herab — Roomservice wie im Fünfsternehotel. Den nächsten Regen saßen wir etwas weiter unten in der Bergerie Ballone aus, wo alle herzlich waren und wir einer jungen Dame das tschechische Wort für Besteck beibrachten: „příbor".

Nach längerer Debatte gingen wir trotz des leichten Regens weiter. Nach Tagen des Kraxelns endlich ein sanfter Waldpfad — gefolgt, natürlich, von noch einem steilen Aufstieg, bei dem der Nieselregen diesmal aber angenehm kühlte. Hinter dem Pass war es nur noch ein Katzensprung nach Ciottulu di i Mori, mit 1 991 Metern die höchstgelegene Hütte des ganzen Treks, direkt unter der Paglia Orba, die man die Königin der korsischen Berge nennt. Die Hütte rühmt sich ganz moderner Toiletten. Leider war die Entlüftung kaputt, und drinnen stank es so heldenhaft, dass sich niemand hineintraute. Dafür wartete die erste warme Dusche des Treks. Das Gleichgewicht war wiederhergestellt.

Tag 5: Esel, Ziegen, Wildpferde und schwingender Boden

Der Morgen begann mit einem wunderschönen Abstieg entlang der Kaskaden des jungen Golo — der längste Fluss Korsikas entspringt genau hier unter der Paglia Orba — zwischen mächtigen Laricio-Kiefern, den endemischen Riesen, für die die Insel berühmt ist. Auf der ersten Hütte gönnten wir uns Kaffee und Kuchen und beobachteten im Hintergrund mit wachsendem Entsetzen, wie die französische Armee Sichern und Klettertechnik übte. Wir warteten die ganze Zeit darauf, dass sie merken, dass sie falsch sichern, und überlegten, ob wir ihnen ein paar gute Ratschläge geben sollten. Dass wir ihnen noch tagelang begegnen würden, ahnten wir da noch nicht.

Beim Aufbruch sahen wir zu, wie die Berghütten per Esel versorgt werden, und kurz darauf blockierte eine Ziegenherde den Weg. Wir durchquerten eine Zone, in der der Wind so stark bläst, dass nicht einmal die Bäume gerade wachsen können — sie wehen zur Seite wie offenes Haar. Dann kam eines der seltsamsten Stücke des Treks: der Lac de Nino auf 1 743 Metern, umgeben von den sogenannten Pozzines — schwammigen Graswiesen, auf denen der Boden bei jedem Schritt nachschwingt und halbwilde Pferde frei weiden. Genau hier trafen wir unsere ersten, und hinter ihnen türmten sich schon wieder Gewitterwolken auf. Nur die erträumte Badestelle war leider keine richtige Badestelle.

Den Tag beschlossen wir bei einem einheimischen Hirten in einer der Bergerien oberhalb der Hochfläche. Hirtenhütten dienen hier seit jeher auch als einfachste Unterkunft für Trekker. Von außen unscheinbar, dazu frischte der Wind auf — aber Salami und Käse waren hervorragend (korsischer Schafskäse und Wurstwaren sind schließlich legendär), und die schöne hölzerne, vor allem aber warme Dusche war eine herrliche Überraschung. Der komödiantische Schlusspunkt des Abends: der sich dynamisch ändernde Weinpreis.

Tag 6: Brèche de Capitello und regennasser Granit

Nach zwei Kilometern erreichten wir die Hütte Manganu, mit der Aussicht auf Kaffee. Geöffnet wurde leider erst um neun. Der Trek zog an: Geröll im Aufstieg, wieder Schneefelder, und schließlich die Felsscharte Brèche de Capitello auf 2 225 Metern — einer der fotogensten Punkte der gesamten Route. Unter uns öffneten sich die Gletscherseen Melu und Capitellu, hoch über dem Restonica-Tal. Die anschließende Gratüberschreitung servierte technische Passagen mit Ketten und stellenweise das, was man ehrlich Kletterei im ersten Grad nennen darf.

Zur Hütte Petra Piana kamen wir vom Grat genau in dem Moment herunter, als es zu regnen begann. Das Mittagessen war gut, der Kaffee wirklich scheußlich. Der Regen wurde derweil stärker, also kapitulierten wir nach ein paar Minuten des Zögerns und zogen Ponchos und Regenjacken an. Auf nassem Granit rutscht man — aber dafür ist man schneller. Mit durchnässten Schuhen (bei manchen auch Shorts) stiegen wir ins Tal ab, zogen uns trocken an, gingen trotzdem baden und stiegen dann zur Hütte l'Onda auf, wo wir übernachteten.

Tag 7: Vizzavona — Halbzeit und Steaks im Fünfsternehotel


In den Aufstieg von der Hütte lehnte sich ein starker Wind, doch die sanfte Steigung und der Blick zurück in die großen Berge — in denen es sichtbar regnete — machten das mehr als wett. Hinter dem nächsten Gipfel öffnete sich eine Landschaft voller Wasserfälle und Gumpen: Der Abstieg nach Vizzavona führt an den Cascades des Anglais vorbei, den „Engländer-Wasserfällen", die schon die britischen Touristen der Belle Époque liebten. In der schönsten Gumpe kühlten wir uns ab.

Vizzavona, wohin wir hinabstiegen, ist die offizielle Halbzeit des GR20 und die einzige Stelle, an der der Trek eine Straße und die Bahnlinie Ajaccio–Bastia kreuzt. Wer will, kann hier ehrenvoll aufhören — oder einsteigen. Wir füllten die Vorräte auf und hatten Glück im Unglück: Der Imbiss, mit dem wir gerechnet hatten, kochte an diesem Tag nicht, aber gleich nebenan stand ein Fünfsternehotel mit ausgezeichnetem Restaurant. Die Nordhälfte endete also standesgemäß, mit hervorragenden Steaks. Am Nachmittag betraten wir die Südhälfte. Sie gilt als die leichtere — niedriger, grasiger, schneller —, wobei „leichter" auf dem GR20 ein sehr relativer Begriff ist. Anfangs spielte sie die Rolle auch überzeugend. Die schlechte Nachricht: Keine der beiden Bergerien, die wir uns für die Nacht ausgesucht hatten, war noch in Betrieb. Völlig erschöpft schlugen wir unser Lager trotzdem bei der zweiten auf. Gerettet hat uns ein Gebirgsbach, der als Abendbad diente.

Tag 8: Gefallene Riesen und das beste Frühstück des Treks

Wir brachen früh auf und schlängelten uns bald zwischen riesigen umgestürzten Kiefern hindurch, die uns an amerikanische Sequoias erinnerten. Laricio-Kiefern werden mehrere Jahrhunderte alt und zählen zu den größten Bäumen des ganzen Mittelmeerraums — der Fotostopp war Pflicht. Dann kam die kleine Skistation E Capannelle und mit ihr das beste Frühstück des Treks: geöffnet ab sieben, riesige Auswahl, Moral auf Maximum.

Kurz oberhalb der Hütte mussten wir einer Kuhherde ausweichen, die uns auf dem Pfad direkt entgegenmarschierte. Gegen Mittag erreichten wir einen Fluss und nahmen ein erfrischendes Bad, wanderten dann durch einen Wald voller Riesenkiefern und umarmten sie — halb aus Spaß, halb zum Energietanken. Ein letzter sanfter Anstieg von 450 Metern, zeitweise bei starkem Wind, brachte uns zu einem Schlafplatz mit herrlichem Meerblick. Der südliche GR20 hält sich näher an der Küste, das Tyrrhenische Meer hat man von hier an fast ständig vor Augen. Das Zelt zogen wir nach dem ersten Aufbau allerdings noch ein Stück um — der Geruch von Pferdeurin bestand darauf.

Tag 9: Die Coscione-Hochebene, Narnia und endlich warmes Wasser

Am Morgen kamen wir an Felsen vorbei, die aussahen, als hätte sie jemand direkt aus unserer Heimat herübergetragen. In der Bergerie darunter beschlug gerade eine junge Frau ein Pferd, das eben Vorräte heraufgebracht hatte — und uns fiel die frühere Reparatur von Honzas Schuh unterwegs wieder ein. Dann verwandelte sich die Landschaft radikal: Wir hatten die Coscione betreten, die höchstgelegene Hochebene Korsikas, die der GR20 an den Bergerien von Matalza vorbei quert. Grüne Wiesen, mäandernde Bäche, Pozzines, frei weidende Pferde und Schweine. Narnia eben.

Und diese trägen Bäche auf der sonnenverbrannten Hochebene haben noch einen Zauber extra: Kurz vor dem Nachtlager entdeckten wir eine wunderschöne Badestelle, an der uns zum ersten Mal auf dem ganzen Trek warmes Wasser überraschte. Frisch erfrischt kamen wir zur Bergerie für die Nacht, wo Einheimische den Abend über Gitarre spielten und sangen. Einige von uns gönnten sich ein Drei-Gänge-Menü samt Aperitif. Wir tranken den Wein aus und gingen zufrieden schlafen.

Tag 10: Monte Incudine, Stiere auf dem Weg und das heilige Bavella

Den Morgenanstieg würzten frei lebende Hausschweine, danach Kühe und Stiere. Zwei von ihnen gerieten direkt auf dem Weg aneinander und blockierten ihn komplett, sodass zwei aus dem Team durchs Gebüsch ausweichen mussten. In der nächsten Bergerie gab es Snack und Pudding, dann trug uns das Weideland hinauf auf den Monte Incudine — mit 2 134 Metern der höchste Berg Südkorsikas und der letzte Zweitausender des Treks. Von dort blieb nur noch der lange Abstieg zum Meer.

Vom Sattel jagte uns ein Gewitter mit Donner, dem wir um Haaresbreite entkamen — nur um gleich darauf in unfassbarer Hitze zum Bavella-Pass auf 1 218 Metern hinaufzusteigen. Über ihm ragen die Aiguilles de Bavella auf, sieben Granittürme zwischen 1 588 und 1 848 Metern, die Bavella zu einem der bedeutendsten Klettergebiete der Insel machen. Und es ist zugleich ein heiliger Ort: An der Straße steht die Statue der Notre-Dame des Neiges, Unserer Lieben Frau vom Schnee, der Schutzpatronin des Passes. Korsika wurde schon im 18. Jahrhundert der Jungfrau Maria geweiht, und ihr gehört bis heute die Hymne der Insel. Wir aßen, überlegten kurz zu bleiben, und gingen am Ende weiter nach Paliri — zur allerletzten Hütte des GR20, an einem herrlichen Platz mit Blick auf Meer und Felstürme. Die letzte Nacht auf dem Trek: eine Flasche Wein, ein langer Rückblick auf alles Erlebte, und schlafen.

Tag 11: Durch das Steintor nach Conca

Wir schliefen etwas länger und brachen dann in fürchterlicher Hitze zur letzten Etappe auf, mit dem Ziel, gegen Mittag anzukommen. Ein halber Tag sanfter Traversen unter sengender Sonne, fast ohne Schatten — hier unten weicht der Granit allmählich sandigen Pfaden und duftender Macchia — und mit jedem Kilometer wuchs die Vorfreude. Kurz vor dem Ende zwängt sich der Weg durch die Bocca d'Usciolu, einen schmalen, in den Fels gehauenen Durchschlupf auf 587 Metern, den man „das Tor des GR20" nennt. Man tritt durch das Steintor und sieht zum ersten Mal Conca, in der Ferne die Bucht von Porto-Vecchio. Vor allem aber wartete hinter dem Tor endlich Schatten. Das letzte Stück liefen wir hinunter und endeten genau dort, wo jeder anständige Trek enden sollte: im Wirtshaus am Ende des Weges. Mittagessen, ein letzter Blick zurück in die Berge und dann der Bus zu einem Campingplatz am Meer, wo wir die restlichen Tage vor dem Heimflug verbrachten.

Routentyp: Point to point
Beste Monate: Jun Jul Aug Sep
Maximale Höhe: 2602 m